Stolpersteine für die Familie von Gustav Meyer in Kleve

Der Künstler Gunter Demnig hat in dieser Woche 23 Stolpersteine in der Klever Innenstadt ins Straßenpflaster eingebracht. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Mit fünf Stolpersteinen wird Gustav Meyer und seiner Familie gedacht. Gustav Meyer war bis 1936 Inhaber des Hotels Benedict, Große Str. 14 -16 in Kleve. Anfang der 1920er Jahre war Gustav Meyer Stadtverordneter für die SPD im Klever Stadtrat. Am 04.08.1942 wurder er in Theresienstadt ermordet.

Josef Gietemann, heute selbst Stadtverordneter, erinnert an die Lebensgeschichte des SPD-Stadtverordneten Gustav Meyer:

„Schikaniert, gedemütigt und schließlich deportiert. Das Schicksal vieler jüdischer Familien im Dritten Reich. So endet auch die Geschichte der Familie Meyer aus Kleve.

Seit Anfang der 1850er Jahre war der Familienname Meyer in Kleve ein Begriff. Simon Meyer, auch Josef genannt, lernte hier seine spätere Frau Adelheid Benedict kennen. Von ihren Eltern erbten sie das koschere Hotel Benedict, das im Jahr 1890 auf der Großen Straße erbaut wurde. So kam das Hotel in den Besitz der Familie Meyer. Von zweien ihrer vier Kinder hörte man in Kleve später noch häufiger. Sohn Max Meyer führte das Kino an der Herzogbrücke und ihr jüngster Sohn Gustav führte später das Familienhotel weiter. Simon und Adelheid hatten beide das Glück, den Holocaust nicht mehr erleben zu müssen.

Im Jahr 1919 heiratet Gustav Meyer Johanna Schieren aus Neuss, bevor sie nur ein Jahr später das Hotel seiner Eltern übernehmen. Im gleichen Jahr wird Gustav Meyer einer von fünf Stadtverordneten der SPD für die Stadt Kleve, Sparkassenvorstandsmitglied und Vater. Seine älteste Tochter Renate wird am 23. März 1920 geboren. Im Alter von 30 Jahren ist er ein angesehener Mann, durchaus zu beneiden und ein ernstzunehmender Konkurrent für hiesige Hotelbesitzer.

Dreizehn Jahre später. Gustav Meyer hat inzwischen drei Töchter, zwischen sieben und dreizehn Jahren.  Seit der Neuwahl im Jahr 1924 ist er nicht mehr Stadtverordneter. Sein Hotel ist Vereinslokal der Sozialdemokratischen Partei und seit kurzem treffen sich dort auch die Mitglieder der Eisernen Front, ein Zusammenschluss verschiedener Parteien, Gruppen und Gewerkschaften gegen den Nationalsozialismus, zu dem auch die SPD gehört.
1933 Hitler wird Reichskanzler und schon bald darauf sind die Auswirkungen davon auch in Kleve zu spüren. Nachdem der Kreisleiter der NSDAP in Kleve Bürgermeister wird, werden viele Sozialdemokraten und Mitglieder der freien Gewerkschaft festgenommen. Darunter auch Gustav Meyer und sein Freund, Parteikollege und ehemalige städtische Beigeordnete Otto Schmidt. Einige von ihnen werden gefoltert und lange in „Schutzhaft“ festgehalten.
Meyer wird zwar ohne vorher gefoltert zu werden nach sechs Wochen entlassen, aber dies ist erst der Beginn einer schrecklichen Zeit für die Familie Meyer.

Ab 1933 wird das Hotellokal immer wieder von SA- Schlägertrupps heimgesucht. Ihr Anführer heißt Dräger. Mehrfach werfen er und seine Leute, die Scheiben des Lokals ein und stiften Unruhe, indem sie mit gehässigen Liedern die Gäste belästigen. Sie sorgen für Tumult, zerschlagen Dinge, die auf den Tischen stehen, werfen einmal sogar die Theke um. Einmal wird Dräger Meyers Frau gegenüber handgreiflich.
Dass Meyer Jude und Sozialdemokrat ist, ist nicht der einzige Grund für die Unruhen in seinem Hotel. Aufgehetzt wurden die Schlägertrupps von dem Pächter der gegenüberliegenden Gaststätte „Zum Schwänchen“, für ihn war es die perfekte Gelegenheit einen unliebsamen Konkurrenten loszuwerden.
Es gelingt ihnen nicht nur Meyer wirtschaftlich in den Ruin zu treiben, nein, auch gesundheitlich setzt ihm die Aufregung um sein Lokal schwer zu. Er leidet schon seit einer Weile an Herzleiden, doch die Demütigung und die Übergriffe auf ihn und seine Familie verschlimmern diese stark.
Immer wieder bittet er bei der Polizei vergeblich um Hilfe, doch die einzige „Hilfe“, die er bekommt, ist die Schließung des Lokals durch die Behörden, denn angeblich sei die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet. Auch nach der Wiedereröffnung, bleibt seine finanzielle Lage schlecht. Die Gäste bleiben aus. Der Verkauf scheint der letzte Ausweg.
1936: Ein Kölner Ehepaar übernimmt das Hotel, es wird „arisiert“ und später als „Kölner Hof“ von ihnen weiterbetrieben.
Meyer und seine Frau müssen ihre Wohnung im Hotel verlassen und sind gezwungen, einen Großteil ihres Besitzes zu verkaufen. Ohne Einkommen und Unterkunft bleibt ihnen nichts Anderes als zwei Zimmer im Hause der jüdischen Familie Gonsenheimer zu beziehen.

In den Jahren darauf gelingt seiner Tochter Renate Meyer, die mittlerweile 19 Jahre alt ist, die Flucht nach England. Nur ein Jahr später stirbt ihre jüngere Schwester Susi mit gerade einmal 18 Jahren in einem Kölner Krankenhaus.

Die letzte Adresse, an der Gustav Meyer, seine Frau Johanna und ihre jüngste Tochter Alice in Kleve leben ist, wie auch bei fast allen anderen Klever Juden, das sogenannte „Judenhaus“ am Spoykanal. Dort verbringen sie das letzte halbe Jahr in Kleve, bevor sie gemeinsam nach Theresienstadt deportiert werden. Gustav Meyer ist zu dieser Zeit schon sehr schwach und muss auf einer Trage zum Bahnhof gebracht werden.
Das letzte, was man in Kleve von ihm hört, ist folgender Abschiedsbrief an seinen Freund Otto Schmidt, der während der schwierigen Zeiten immer wieder unterstützend für ihn und seine Familie sorgte. Meyer wusste, was ihm bevorsteht. Um seinen Freund und dessen Familie nicht zu gefährden, schrieb er ihn ohne Anschrift und unterschrieb ihn auch nicht.

„Lieber Freund und Frau!
Nun hat auch unsere Abschiedsstunde geschlagen, und wird man uns einer ungewissen Zukunft entgegenführen. Aber wie so vieles werden wir auch dieses ohne hadern tragen müssen. Man hat das Todesurteil über uns gesprochen, nur ist es noch nicht vollstreckt. Ich benutze nun die Gelegenheit um Dir auf diesem Wege ein letztes Mal „Lebewohl“ zu sagen. Gebe es die Zukunft, wann wir uns noch einmal wiedersehen werden. Alle Trostesworte, und diese sind uns in den letzten Tagen recht viele gesprochen worden, sind uns ein Beweis dafür, dass uns unsere Freunde noch nicht alle aufgegeben haben und unser Leid teilen.
Also lieber Freund ein letztes Lebewohl. Bleibe noch recht lange gesund und vergiss uns nicht.
Dein Freund Frau und Kind“

Gustav Meyer starb nur wenige Tage nachdem er nach Theresienstadt gebracht wurde. Auch seine Frau und Tochter Alice überlebten den Holocaust nicht. Sie wurden 1944 nach Auschwitz gebracht und sind dort verschollen.“

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